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Nachruf Hansruedi Gehring

(von Hanni Salvisberg, Ex-Präsidentin SAGKB)
 

Im Juni 2015 hat uns die Schreckensnachricht erreicht: Hansruedi ist in den Ferien in seiner geliebten Toskana schwer erkrankt. Kurz darauf starb er. Auf dem Sterbebett hat er sich von Suzanne verabschiedet mit den Worten: «I ha Di ganz fescht gärn, äxgüsi, äxgüsi.» Das haben wir an der Trauerfeier in der Französischen Kirche so gehört. Mir schien, als würde allen ein Moment der Atem stocken.

Ich habe Hansruedi kennengelernt als Kontrollanalytiker an der Psychiatrischen Uni-Poliklinik. Seine vielen Facetten lernte ich dann aber während seiner Zeit als Dozent der SAGKB kennen und schätzen.
Hansruedi war Gründungsmitglied und erster Ausbildungsreferent der SAGKB, und er hat wesentlich zu deren anfänglichem Aufbau beigetragen – zusammen mit Jörg Roth und Albert Erlanger.
Gründlich wie Hansruedi war, hat es ihm nicht gereicht, die Seminare von Herrn Leuner in Bern zu besuchen. Er hat seine Praxis für einige Zeit geschlossen, um in Göttingen in der Selbsterfahrung bei Hans Martin Wächter  das KB so richtig kennenzulernen. Und auch viel später hat er intensiv sich um Fortbildung bemüht, z. B. in Seminaren zur Traumatherapie mit KIP.


Als Dozent hatte sein Wort Gewicht. Als wir  in einer Vorbereitungssitzung Ideen sammelten zum Kongressthema, brachte er den Begriff «Narrativ» ein. Ich habe damals den Begriff zum ersten Mal gehört und gemerkt, dass ich wieder einmal beeindruckt war von Hansruedis Gelehrsamkeit. (Oder meiner Unwissenheit?) Wir haben dann zwar den Vorschlag von Christoph Stettler «Vom Wort zum Bild, vom Bild zum Wort» (oder umgekehrt?) ausgewählt, aber Hansruedis «Narrativ» ist mir geblieben.
Für ihn war und blieb es zentral. Einmal in seiner Eigenschaft als Schriftsteller - Hansruedi war Autor von Krimis - dann aber auch in seiner Dozententätigkeit. Seine Schreibseminare waren äusserst gefragt und beliebt.

Die Sprache war – neben dem Bild – für Hansruedi ein Lebenselement. Wir haben davon profitiert, indem er Seminare auch für die Romands durchführte  (auch Kolloquien mit mir zusammen) und KB-Seminare in Italien abhielt.

Dass Hansruedi zweimal an unseren Jubiläen den Festvortrag hielt, war auch kein Zufall. Suzanne hat mir zu Recht gesagt: «Wenn du  den Hansruedi um einen Vortrag bittest, kannst du sicher sein, dass er gut ist.»

 

Eine weitere Facette: Hansruedi war ein Wanderer. Er kannte viele Wege und auch die Flora am Wegrand. Als wir anfingen, einmal pro Jahr Dozententreffen während eines verlängerten Wochenendes durchzuführen, bildeten die von Hansruedi ausgedachten und vorher genau rekognoszierten Wanderungen jeweils einen Höhepunkt des Wochenendes.

Vielen Dozenten werden die Wanderung und das Mittagessen nach dem Thuner Kongress in bester Erinnerung geblieben sein. Hansruedi und Suzanne haben den Anlass vorbereitet. Ich weiss noch, dass Suzanne etwas aufgeregt zu mir kam. «Jetzt will er auch noch den Alphornbläser organisieren!» Ich war begeistert. Die Wanderung auf einem Weg durch Alpwiesen hoch über dem Thunersee, das währschafte Essen (Sonntagsbraten mit Kartoffelstock in der Bauernstube) und der gute Rotwein, dazu die Musik mit Didgeridoo und Alphorn. Das alles in einem Landgasthof, hinein in unsere zufriedene Müdigkeit! Jedenfalls sieht man Harald Ullmann selig schlafend auf den Fotos.

Apropos gut essen und trinken: Wenn Suzanne und ich uns mit der Schlussfassung der neuen Fortbildungscurricula abmühten, wurden wir gelegentlich für unsere Arbeit belohnt: Hansruedi hat uns mit seinen Kochkünsten verwöhnt. Kreativität und Präzision waren die Küchenmeister.
Noch ein letzter Eindruck: In einem Kellerlokal in Salzburg (Kongress 1989?) konnten wir eine Darbietung der besonderen Art erleben: Hansruedi und Eric Bölcs unterhielten sich und uns mit improvisierten Sketches. Mit Stimme, Mimik, Gestik.
Ich glaube, sie brauchten keine wirklichen Wörter: Es war auch gar nicht nötig. Man verstand alles und lachte sich krank. Hansruedi hat nachher selber kommentiert: «So kommt es halt, wenn zwei Hysteriker aufeinandertreffen:» Wir hatten nichts dagegen.
Nun ist Hansruedi unerwartet früh und schnell gestorben. Viele denken mit grosser Dankbarkeit an ihn. Auch wir von der SAGKB.


 

  
Imagination 4/2015, Seite 86